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Stille Helden oder wo der Geist  des Herrn das Antlitz der Erde erneuert

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde in der Heimat,

Grüss Gott vor Pfingsten. Ich sitze gerade mit dem Laptop unter der Trauerweide und warmer Wind trägt belebenden Thymiangeruch aus dem Garten der Nachbarn herüber. Von der Wiese auf der anderen Seite trifft der Duft des frischen Heues meine Nase. Ich liebe diese dichte Zeit vor Pfingsten und im Warten auf den Geist des Herrn. Und in Zeiten hier, die alles andere als befriedet sind, ist dieser Glaube an den lebensspendenden Geist umso stärker, und mein Gebet darum auch flehentlicher. Und ich möchte Euch erzählen von ein paar stillen Helden hier, von einigen Jugendlichen, die sich nicht der Korruption beugen, die für Gerechtigkeit kämpfen, die an diese Kraft des Geistes Gottes glauben.

Da ist Vilma aus der Jugendgruppe. Sie kann, dank unserer Hilfe, Jura studieren. Ihre Familie ist arm. Seit sie ein kleines Mädchen war, kenne ich sie und hat sie an den Gruppenstunden teilgenommen. Wir hatten „Lagebesprechung“, d.h. regelmässig sprechen wir über die Situation der Jugendlichen in Schule und Studium, zu Hause ect. Die Jugendlichen können ihre Situation angucken, von vielen Seiten ihr Denken und Handeln reflektieren und auch erklären und oft fragen sie mich dann um meine Meinung oder um Rat. Nun, diesmal war das Thema: „Bleiben oder gehen!“, das Thema der diesjährigen Pfingstaktion von Renovabis. Viele sehen keinerlei Chance, hier eine Zukunft aufzu-bauen. Eine Jugendliche sagte mir: „Schwester, wir sind bereit zu hungern, wir sind bereit, auf Klamotten zu verzichten, im Winter barfuss zu laufen, aber wir sind nicht mehr bereit, Ungerechtig-keit und ständige Herabwürdigung hinzunehmen, nur weil wir nicht für Noten bezahlen. Alle nickten. Und dann sagt Vilma: „Sie bleibt, unter allen Umständen!“ Bereits im ersten Jahr ihres Studiums wurde ihre Note verschlechtert, weil ein anderer zahlte. Sie kämpfte, sie litt, sie forderte ihr Recht auf Einsicht in die Prüfung. Und sie bekam ihre verdiente Note. Der Kampf war hart, sie hat nächtelang nicht geschlafen. Sie hatte Angst, sie wurde gedemütigt, aber sie hat es geschafft. Und Vilma sagt, dass sie bleiben wird in ihrem Land. Sie ist wild entschlossen, für die Gerechtigkeit, für eine bessere gerechtere Zukunft alles zu geben, sogar auf eine Familie zu verzichten. Sie ist keine Schwärmerin, sie ist keine Träumerin sie ist mit beiden Füssen auf dieser Welt, in ihrem Land. Und was sie dazu bewegt: Die Bergpredigt, sagt sie, ihr Glaube und das Bewusstsein, dass sie sich im Spiegel anschauen kann, wenn sie geradlinig lebt. Ich habe grosse Achtung vor ihr. Pfingsten in diesem jungen Menschen, denke ich. Und da ist Dari. Sie hat Zahnärztin studiert. Ihre Eltern haben viele, viele Opfer gebracht, um dies zu ermöglichen. Und sie hat gelitten und leidet. Sie sagt folgendes: „Meine Freundin und ich hatten und haben kein Geld, um zu korrumpieren. Wir haben unsere Köpfe voller Wissen, wir haben geschuftet. Aber an Praktikumsstellen waren wir nur Putzfrauen, wir durften nie wirklich auch nur einen Bohrer in die Hand nehmen. Wir konnten dafür nicht bezahlen. Für ein Praktikum bei einem Zahnarzt brauchst du mindestens 3‘000 Euro. Und jetzt für eine Arbeit nochmals mindestens 5‘000 Euro“ . Sie kann und will sich nicht einkaufen, sie kann sich kein Praktikum privat leisten. Sie ist traurig, klar, aber sie erzählt dann, dass sie in all den Entbehrungen der letzten Jahren, in all den schlimmen Erfahrungen von Degradierung und Korruption eines gefunden hat: den tiefen Glauben an Christus, die Hoffnung, dass die Wahrheit und das wirkliche Heil dort liegen, wo die Seele sich nicht von Geld und Macht und Verkauf der Wahrheit hat vergiften lassen. Und Dari strahlt von innen raus, auch wenn eine Träne über ihre Wange kullert, als sie uns allen ihre Geschichte erzählt. Und in diesen Minuten weiss ich, dass diese junge Frau die lebendige Bergpredigt ist: „Selig, die nach Gerechtigkeit dürsten!“ Ich schlucke. Und ich denke, wie die Jugendlichen vor einiger Zeit zu mir kamen und sagten, dass sie alle ein Angebot bekommen haben und sie wollten meine Meinung dazu wissen. Das Angebot war so: In den Ferien Drogenernte mit hohem Arbeitslohn in den Bergen. Mit diesem Lohn hätten sich die Jugendlichen ihr Studium locker finanzieren können. Ich spürte ihren inneren Kampf, als sie mir das so sagten und fragten, was ich denn dazu meine. Eine Jugendliche meinte, dass ich da ja nichts dagegen haben könne, denn ich wolle ja auch, dass sie eine Zukunft haben und wer dann die Drogen konsumiere, wäre ja selbst schuld. Ich nickte und sagte, dass ich sie gut verstehe. Dann nahm ich mir viel, viel Zeit und wir erarbeiteten das Für und Wider. Wir erarbeiteten Sichtweisen und auch ethisch moralische Wertungen. Dann liess ich sie frei in ihrer Entscheidung. Ich gebe zu, ich habe viel für sie gebetet in dieser Phase ihrer Entscheidung. Diese war alles andere als leicht, die Versuchung, auf diese Art und Weise zu Geld zu kommen fürs Studium war gross. Eine Jugendliche sagt mir: „Weisst Du, ich möchte ja nur damit meine armen Eltern entlasten, ich habe noch Geschwister und die sind alle jünger. Und meine Eltern opfern alles und leiden“. Ich umarmte sie wortlos. Und keine der Jugendlichen hat bei der Drogenernte mitgeholfen und damit Geld verdient. Stille Helden, die das Antlitz der Erde erneuern.

Dann ist da noch ein junges Mädchen, von dem ich berichten muss: Es ist Sara, die schwer behindert ist. Wir wurden von der Familie gerufen, da Sara keine Sondennahrung mehr hatte. Sara hat eine Ernährungssonde im Darm liegen. Sie konnte nicht mehr schlucken und die Familie ist vor knapp drei Jahren mit ihr nach Deutschland ausgereist. Dort wurde ihr geholfen und sie konnte überleben. Nun wurde sie mit der ganzen Familie zurückgeschickt. Sie wurde um 5 Uhr morgens mit der Mutter im Krankenhaus von der Polizei abgeholt, die Schwester und der Vater in der Unterkunft. Für drei Wochen hatten sie Sondennahrung dabei. Dann war es halt aus. Hier gibt es eine solche nicht. Rollstuhl und weitere Nahrung waren bei einer Hilfsorganisation in Deutschland gelagert, ein Transport wäre nicht in Sicht, sagte mir die Sekretärin dann dort am Telefon. Ich musste mich beherrschen, um ruhig zu bleiben, gebe ich zu. Sara und ihre Familie konnten nicht in ihr Haus zurück, da dies durch Hochwasser zerfallen ist. Sie leben derzeit bei Verwandten. Wir fuhren sofort zu Sara und ihrer Familie und wir fanden sie in verzweifelter Situation, vor allem ihre jüngere Schwester. Sie ist immer noch traumatisiert insbesondere von der Art und Weise der Abschiebung. Ich möchte nun einen Dank aussprechen für unsere Freunde in Deutschland, die sofort in die Presche sprangen: Barbara, gerade im Aufbruch zu uns, besorgte noch Nahrung für vier weitere Wochen. So hatten wir wenigstens Zeit zum Nachdenken und weiterer Planung. Dann war die Allgäu-Orient-Rallye unterwegs zu uns und diese Männer fuhren noch stundenlang zur Lagerungsstelle und brachten nochmals Sondennahrung für weitere zwei Monate und den speziellen Liegerollstuhl für Sara mit. Wir danken von Herzen. Die Familie muss nun erstmal nicht zugucken, wie Sara verhungert. Mir dreht es allerdings zwischendurch den Magen um, wenn ich daran denke, dass die Sonde irgendwann erneuert werden muss. Und Sara hat sich diese in der Spastik bereits in Deutschland zweimal selbst gezogen. Das wäre der sichere Hungertod für das junge Mädchen. Und die Schwester weiss dies ganz genau.

Ich habe dafür keine Worte, aber ich muss sagen, dass wir solche und ähnliche Schicksale jetzt jeden Tag erleben. Und ich stelle mir die Frage: Ist die Burka meines Heimatlandes unversehens die Nacht geworden? Ist die Angst vor einem schwer behinderten Mädchen so gross, dass es die Polizei braucht, um es abzuholen? Sie kann ja gar nicht mal weglaufen. Und ich frage mich, ob Deutschland mit solchem Handeln nicht letztlich sehr viel ärmer wird, als alle, die hier zurückkommen. Und aus den Erzählungen der Kinder, Jugendlichen und auch Mütter wissen wir, dass diese Abholung durch die Polizei sehr traumatisierend ist.

Umso mehr sind wir froh und dankbar, dass wir um viele, viele Helfer der Fremden wissen dürfen. Viele, viele, die alles tun, damit die Menschlichkeit nicht ausstirbt. Es gibt ein Netzwerk des Heiligen Geistes und an diesem Netzwerk habt Ihr alle Anteil und dieses Netzwerk verbindet die Völker nach wie vor in diesem Geiste, der das Gute schafft.

 

100 0636 sr christinaSo gerne mit Euch verbunden, mit herzlichem Pfingstgruss

 

Eure Sr. Christina

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