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Wie riecht denn „Frieden“?

Liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes,

grüss Gott aus unserem Klösterle in Dobrac. Nach ein paar dampfenden heissen Tagen rieselt vor meinem geöffneten Fenster guter Regen. Die Luft wird frischer und die Erde saugt das Nass auf. Es ist ruhig und friedlich; eine Wildtaube hat sich für ihren Lockruf entschieden. Die Rosenblüte, unser dunkelgrüner Kakibaum sind Meditation und ein Danklied an den Schöpfergeist. Die Frösche vom Kanal keine 100 Meter weiter quaken ihr Konzert, als hätten sie auf den Regen als Dirigent gewartet. Ich spüre, wie ich fast den Atem anhalte und einfach staune und danke - für den Geruch von „Friedlich“.

Neben mir - wie ein Schatten, der das Licht ersticken möchte - ist da der bislang schwelende und nun seit zwei Tagen eskalierte Konflikt im Kosovo. Wieder brennen Autos, wieder gibt es Blockaden, wieder prasseln Hasstiraden auf Menschen herunter. Und die Angst vor einem Krieg liegt auf den Lippen, wird ausgesprochen. Die Mitarbeiter heute Früh sprachen vom Krieg von 1999 und wie sie alle aus den Wäldern kamen - die Flüchtlinge damals. Ich erinnerte mich auch. Und ich spüre, wie ich mich innerlich weigere, weiter zu denken, einen weiteren Krieg vorzudenken, vor zu riechen und schon zu schmecken. Pfingstwoche, denke ich. Und ich rufe den Geist des Friedens beim Tischgebet auf uns alle und auf die Menschen herab. Es ist wie eine Gegenansage an Krieg und Hass. Wir müssen den Frieden riechen, nicht den Krieg. Der Regen rieselt friedlich und vom Süd-Westen kommen ein paar Sonnenstrahlen. Ich ertappe mich, dass ich einen Regenbogen erwarte, der nun meine Friedenssehnsucht bestätigen soll. Die Frösche quaken belustigt über mich. Und ich denke kurz:
„Verfalle ich einer totalen Illusion? Verdränge ich die Realität, angesichts der angespannten Lage. Zimmere ich mir meinen rosarot-himmelblauen Himmel in meinem Klostergarten oder meine religiöse Kuschelecke in meiner Kapelle?“

Ich weiss es nicht, angesichts der kriegerischen Entwicklung dort drüben. Irgendwo kracht es jetzt und ich erinnere mich, wie ich 1999 hörte, wie die Bomben in Kukes fielen. Und doch: ich bin überzeugt, dass der Friede möglich ist, wenn wir das wirklich wollen, wenn es alle wollen. Ob es alle wollen, das ist dabei die Frage. Aber es wäre möglich. Wir müssen die Möglichkeit offenlassen. So denke ich.

Und ich erzähle Euch nun die Geschichte von dem kleinen Jungen, der hier gelandet ist mit seinen Eltern. Ermiri ist vier Jahre alt. Der Vater hält ihn in seinen Armen und der Kleine ist wie ein Äffchen an ihn geklammert. Sofort legt der Vater den Kleinen in meinen Arm und sagt: „Guck ihn dir an, aber er ist ja schon fast tot. Jeden Tag wird er schlechter!“ Ich bitte den Vater, den Kleinen weiter zu halten und mit mir zu kommen.

Dann reicht mir die Mutter ein Entlassungspapier aus dem Krankenhaus. Sie zeigt auf zwei Wörter und guckt angespannt auf mein Gesicht. Da steht: „Degeneration des Gehirns“. Die Mutter sagt: „Wenn man ihm was in die Hand gibt, dann macht er es kaputt, auch ein schönes Spielzeug“.

Die Kinderärztin hat gesagt, dass sie ihn einfach lassen sollen und warten, bis er dann stirbt. Der Kleine hat noch nie eine wirkliche umfassende Untersuchung bekommen. Ich weiss, dass ich nun mindestens eine Stunde Zeit brauche und mache die Türe hinter mir zu. Ich höre mir die Eltern an und beobachte dabei auch Ermiri. Es scheint ihn nicht zu interessieren; seine neue Umgebung auch nicht. Er ist einfach da, aber er ist da und atmet. Das ist schon mal was. Anfangs hat er die Augen geschlossen, dann guckt er mal aus den Augenwinkeln.  Ich sage: „Hej, wer bist denn du?“ und kitzle ihn ein wenig am Kinn. Er reisst die Augen auf. „Aha!“…denke ich. „Erster Kontakt!“ Ich möchte ihn nicht mit Körperkontakt erschrecken und hole die grosse Klangschale, die erst neulich mit einem Transport aus der Rheinau kam. Vorsichtig schlage ich die Schale an. Der dunkle warme Ton scheint in seinem Gehirn, in seiner Seele und im Körper etwas von ganz Ferne oder von unendlicher Tiefe wachzurufen. Ermiri macht die Augen ganz auf und uns allen stockt der Atem. Der Kleine horcht und horcht und geht förmlich in seine eigene Tiefe und taucht auf und hat ein wunderschönes Lächeln aus der Tiefe seines Seins mitgebracht. Die Eltern sind völlig verzaubert, der Vater weint. Auch ich bin am Schlucken. Der Vater kann es immer noch nicht glauben, dass sein Sohn reagiert hat. Ich schlage nochmal die Klangschale an. Ermiri horcht in sich hinein, lächelt und dann lacht er laut. Er lacht laut. Die Eltern haben das noch nie bei ihm erlebt. Er zappelt. Es ist mir klar, dass er die Klangschale entdecken will, dieses Ding, das ihn in die bunte Welt geholt hat, dieser Klang, der sein Inneres aufgeweckt hat. Wir schlagen die Schale an und dann öffne ich sachte die Faust von Ermiri und lege den Klöppel in seine Handfläche. Das tue ich mehr im Effekt, denn wenn ich überlegt hätte, wäre ich vor diesem Schritt zurückgeschreckt. Eigentlich kann er das nie und nimmer können! Aber es geschieht:

Ermiri greift nach dem Klöppel und schlägt mit meiner Unterstützung auf die Klangschale. Er ist fasziniert über sein Tun. Ich auch. Es ist Glück, pures Glück, was wir hier gemeinsam erleben. Und ich denke an den Geruch des Friedens, an die Farben von Frieden und Glück. Beides gehört irgendwie zusammen. Solche Momente sind Highlights, aber es gibt viele Momente, die da sind und uns sagen, dass wir zum Frieden gerufen sind, zum Aufbau und zur Kreativität.

Da ist unser Antonio. Er ist mit seiner sehr schweren Behinderung ein Sonnyboy. Das müssen wir sagen. Seit drei Wochen geht er in den Kindergarten. Die Ida holt ihn ab und er hat dort eine kleine Freundin. Er quietscht vor Freude, wenn wir ihn darauf ansprechen. Heute habe ich ihn dann mit einem „Parfum for men“ parfümiert und er ist völlig ausgeflippt. Er wird am 12. Juni 12 Jahre alt.

Am Sonntag ist mir nach der Heiligen Messe ein Mann nachgelaufen. Er hielt mich am Arm fest und küsste mich hundertmal auf die Stirn und sagte ständig: „Danke für all das, was ihr hier tut. Danke, danke.“ Ich habe mich etwas verlegen ziemlich schnell verdrückt. Aber vielleicht riecht so „Frieden“?
Und da steht dann die Dushe, die Romafrau und meine schon wie auf ewig gefühlte Freundin vor der Türe. Sie erzählt die brutale Geschichte vom Vorabend: Shpetimi, ein 27-jähriger Roma und Vater zweier kleiner Kinder ist auf der Strasse, direkt bei der Muttergotteskirche von einem Auto erfasst und überfahren worden. Der Fahrer ist geflohen. Seine Frau war mit ihren zwei Kids am Strassenrand beim Betteln, weil die Gläubigen vorher dort in der Kirche waren. Die Frau kann seitdem nicht mehr reden, sie ist wohl wie gelähmt am Strassenrand sitzen geblieben. Das Kind mit vier Jahren hat erzählt. Shpetimi ist noch ein paar hundert Meter bis vor die Baracke von Dushe gekommen. Dort brach er zusammen und jede Hilfe kam zu spät. Leider hat die Tankstelle verweigert, die Überwachungskamera rauszugeben. Das Video scheint nun gelöscht zu sein. „Es war ja nur ein Roma!“, meinte Dushe resigniert.  Ich spüre, wie Wut in mir hochsteigen möchte. Ich nehme Dushe in den Arm und sage: „Er war ein Mensch und alle Menschen sind gleich und das weiss jener, der ihn jetzt in sein grosses Herz aufgenommen hat. Dushe, du und ich – es ist kein Unterschied oder?“ Sie küsst mich und sie weint. Dann gebe ich ihr etwas Geld, um den Sarg für Shpetim zu kaufen. Sie können ihn ja nicht einfach in die Buna schmeissen, denke ich. Und ich gebe ihr eine Kerze mit und eine rote Rose. Sie weint nochmal, küsst die Rose und mich. So riecht vielleicht Frieden in einer feindseligen Umgebung, die sich in einer Hackordnung von oben nach unten selbst behauptet und die Degradierung braucht, um sich selbst noch zu spüren.

Und der Abraham beschäftigt sich gerade mit Armut und differenziert sehr gut. Er spricht von „äusserer und innerer Armut“ und checkt so langsam auch die sozialen Zusammenhänge hier. Er geht seit geraumer Zeit in eine Gemeinde, um sozial ganz schwachen Kids die deutsche Sprache zu lehren und mit ihnen Zeit zu verbringen. Und gestern sagte er mir, dass er mehr tun möchte, sich noch weiter sozial engagieren. Er ist so versöhnt mit seiner Krankheit, dass er z.B. auch sagen kann, dass der Rolli wie ein Teil von seinem Körper geworden ist. Vielleicht riecht so Frieden?

Das ist alles sehr, sehr winzig, aber es ist friedlich und da gehören vielleicht sogar auch unsere Katzen dazu. Also, ich bin kein Katzen-Fan. Aber ja: unsere alte schwarze Katze hat vier Junge geworfen. Unter den Büschen am Mäuerchen. Wir haben dann eine rote Holzkiste als Katzenhaus dazu geschoben und die vier Kätzle sind schon ganz schön kräftig. Vor zwei Wochen nun rief mich Sr. Michaela und sagte etwas ironisch: „Komm mal, wir haben ein Geschenk bekommen – über Nacht!“ Das Geschenk war auch noch in einem Karton. Aber auf tappeligen Füssen kamen mir vier weitere struppige junge Kätzchen entgegen. Es kam nicht gerade Freude auf, muss ich gestehen. Inzwischen sind sie integriert und fressen halt mit. Und wir passen sehr auf, dass wir sie nicht mit dem Auto überfahren. Eine andere Katzenmutter, deren Junge nicht mehr sind, die aber geworfen hat, macht erste Schritte, um die Vier zu adoptieren. Sie spielt ab und zu und fängt an, sie zu erziehen. Vielleicht riecht es nach Frieden. Und letztlich bleibt uns das Gebet und die Bitte um den Geist des Friedens, der nur geschenkt und empfangen werden kann.

Und uns ist es wichtig, uns bei Euch allen zu bedanken für all Euer Wohlwollen, Eure Gebete, Eure Zeit und Eure materielle Hilfe. Die Zeiten sind schwer und gestern hat es hier schwer gehagelt. In etlichen Teilen des Landes ist die Obst- und Gemüseernte vernichtet. Armut lauert überall und greift um sich und Eure Hilfe ist das einzige

Gegenmittel, das wir haben. DANKE.

Mit den besten Segenswünschen und mit herzlichem Gruss
Sr. Christina und Sr. Michaela

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