Start Du bist eine Rose

Du bist eine Rose für den lieben Gott 

 

altLiebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde,
Grüss Euch Gott!
 
Vor meinem Fenster blühen noch die letzten Rosen in diesem Jahr. Die letzten Wochen waren schwere Wochen, aber eben: die Rosen blühen und die Farben des Herbstes leuchten auch hier im Lande, wo so oft der Tod näher ist als das Leben, wo die Menschenwürde ein Fremdwort scheint, wo Menschenrecht dem Faustrecht oder der Profitgier weichen. Und in diese Härte der letzten Wochen hinein, da erfahren wir dann auch Wunder der Nähe Gottes, Wunder der Mitmenschlichkeit und Zusammengehhörigkeit. Und da blühen Menschen als Rosen für den lieben Gott.
 

So steht da Ibrahim vor unserem Tor. Seine Füße tragen ihn nicht mehr selbst. Die Mama schleift ihn mehr auf dem Rücken ins Haus. Ich habe Ibrahim seit einigen Monaten nicht mehr gesehen. Aber wir haben ihn ins Krankenhaus gebracht und die Kosten bezahlt. Ibrahim ist 11 Jahre alt und er schaut mich jetzt aus tiefliegenden dunklen Augenhöhlen an: „Motra ich kann nicht mehr“…sagt er tonlos. Er kann nicht mehr atmen, sein Bauch ist voller Wasser, seine Beine auch. Das Gesicht ist aufgedunsen. Und Ibrahim schaut mich lange wortlos an – „ich kann nicht mehr“!… Ich bringe ihn in mein Zimmer und setze ihn aufs Bett. Er fällt fast in meinen Arm. Ibrahim hat von einer Grippe vor zwei Jahren einen schweren Herzschaden davongetragen. Helfen kann man ihm nicht mehr. Ich lasse ihm Zeit – er klammert sich schwer atmend an mich. Dann ist da die Mama, die ins Ausschnaufen hinein plötzlich erklärt: „Behalte Du ihn jetzt. Er kann nicht mehr betteln. Er taugt nicht mehr für die Straße“. In diesen Sekunden wünsche ich, dass Ibrahim kein Gehör hätte. Aber hellwach hat er das gehört und die Tränen schießen ihm in die traurigen Augen. Und ich weiß, dass dies sein erster und sozialer Tod war. Sein versteinertes Gesicht war der Grabstein. Ich habe dann dem Ibrahim gesagt, dass er selbst spürt, wenn er sterben muss. „Ich habe keine Angst davor“, sagte er leise. Und ich habe ihm gesagt, dass er dann mit seiner Mama hierher kommen und hier sterben darf. Ich stand auf und gab ihm eine rosarote Rose aus meiner Vase: „Ibrahim, die Strasse ist nicht Dein Grab, denn Du bist eine wunderschöne Rose für Gott“. In diesem Moment geht ein ganz, ganz schönes Lächeln über das gezeichnete Gesicht von Ibrahim. Er küsst die Rose und nickt bedächtig. Ibrahim lebt noch und ich habe noch lange mit der Mama geredet. Sie ruft an, wenn er zum Sterben kommt.
 
Eine Rose ist zu Gott gegangen. Nesara ist vor drei Wochen in der Türkei gestorben. Sie hat die Chemotherapie nicht überlebt. Nesara war zum Sterben bereit. Sie hat sich von mir verabschiedet, als sie zur letzten Behandlung abreisen musste. Für Abraham hatte sie ja noch einen schwarzen Anzug für einen „bestimmten Anlass“ erstanden. In einem letzten Brief an mich hat Nesara geschrieben, wie wichtig die Zeit hier bei uns für sie war, wie sie hier ein Zuhause gefunden hat, Verständnis – einen Ort, wo sie nicht mit Gewalt gesund werden musste. Ihre Eltern konnten einfach nicht annehmen, dass sie nicht mehr gesund werden wird. In der letzten Stunde in der Jugendgruppe hat Nesara noch getanzt, bis sie keine Kraft mehr hatte. Und für Abraham hatte sie eine große Zuneigung. Einige Tage vor ihrem Tanz in den Himmel konnte ich sie noch per Telefon sprechen. Sie sagte mir, dass sie keine Angst habe, zu gehen und dies unser letztes Gespräch sei. Ich habe Nesara Ihre Schutzengel und die Muttergottes für den letzten Weg zur Seite gestellt. Ich habe ihr gesagt, dass die Mutter Gottes sie in den Himmel führen wird und sie meinte, dass sie dies genau spüre. Mir fiel es schwer, dass ich sie so weit weg wußte. Aber der Himmel war ihr nah. Und wir schafften es gerade noch , der Mutter einen Pass zu besorgen und sie ans Sterbebett ihrer Tochter zu bringen. Unsere Jugendlichen trauern schon um Nesara. Alle gingen mit, als sie zum letzten Mal mit dem Sarg in ihr Haus gebracht wurde.
 
Diese schweren Tage hat die Gruppe aber auch zusammenwachsen lassen. Und die Jugendlichen wissen nur zu gut, wie fast greifbar nahe hier der Tod jeden Tag ist. Und gleichzeitig erleben wir in den Menschen und gerade in den Kindern und Jugendlichen eine enorme Kraft zum Leben. Die jungen Albaner haben die Kraft der wilden Berge hier, denke ich manchmal.
 
Und so denke ich darüber nach, wie gerade die Jugendlichen eine Zukunftsperspektive entwickeln können. Im Moment scheint alles eher aussichtslos: Die vier Jugendlichen, die Abitur gemacht haben, bekommen keinen Studienplatz. Sie sind auf der Seite der Armen, die nicht einige tausend Euro hinblättern können, um einen Platz zu bekommen. Bis letzten Montag hatten sie Hoffnung. Sei hatten die Noten und damit ein Recht auf ein Studium. Sie waren bereit, jedes Fach zu belegen, nur um nicht auf der Straße sein zu müssen. Arbeit gibt es nicht. Sie wurden Woche für Woche vertröstet. Wie oft sind sie an die Uni gegangen, um wieder zu fragen, zu schauen, wo sie sich eintragen können.“Kommt morgen, kommt früher, kommt am Nachmittag, kommt nächste Woche.“! Immer die vagen Ausreden. Nun ist`s raus seit Montag: „Ihr könnt nach Durres oder in den Süden, hier in Shkoder ist alles voll“. Das ist niederschmetternd für sie. Die Mädchen haben nun nur noch die schlimme Aussicht, dass sie von ihrer Sippe so schnell wie möglich verheiratet werden. Um die Jungs habe ich Sorge, dass sie irgendwo rumlungern. Ich will mich nicht damit abfinden, gebe ich ehrlich zu. Vorerst haben wir erstmal einige Mädchen bei uns zum Spülen und für Hausarbeit noch untergebracht. Dies ist und kann nur eine Übergangslösung sein – einfach, dass sie nicht zu Hause in der Isolation verschwinden und der alten Tradition zum Opfer fallen.
Durch die Schule und das Studium konnten sie immer noch in die Gruppenstunden kommen. Wenn dies wegfällt, droht ihnen eben die traditionelle „Verbannung“ bis zur Ehe. Mirela und Zoja sagen: wenn wir zu Hause bleiben müssen, dann können wir uns auch eingraben lassen. Wir werden dort verrückt. Die Zeit arbeitet gegen uns im Moment. Aber ich bin überzeugt, dass uns der Schöpfer, der das Leben und die Kultur für das Leben will, auch eine Idee gibt. Wir brauchen Arbeitsstellen, Lehrstellen, Ideen für eine reale Zukunftsperspektive. Wir dürfen und können nicht einfach ihre Eltern mit der engen Tradition hinter uns lassen. So denken wir gerade für die Mädchen über einen „Hauswirtschaftskurs“ über zwei Jahre lang nach - mit Praktikumsstellen usw. Ich brauche Zeit zur Entwicklung und etwas Geld. Und die Jungs: Drei sind im Jugendhaus beschäftigt. Sie sind verpflichtet, Geld zu verdienen, denn ihre Familien haben nichts. Alfred wollte sehr gerne Maschinentechnik oder so studieren, Brigeni Jura. Sie stehen auf der Straße und Alfred versucht nun, in einer Kneipe zu arbeiten, um seiner Familie nicht länger auf der Tasche zu liegen. Und sie haben soviel junge Kraft und hellen Geist und gute Motivation, die verkommt. Und ich denke: das Jugendzentrum reicht nicht aus, sie abzufangen, wenn wir keine Beschäftigung finden, wenn sie nichts Sinnvolles für ihr Leben haben. Und ich wehre mich, sie der Straße und dem Versumpfen zu überlassen. Dafür haben wir zu lange miteinander gearbeitet, dafür sind sie zu sehr „meine Jungs“. Wir werden mit ihnen eine Zukunft bauen. Gott hat einen Plan auch mit ihnen. Ja, ein Plan fürs Leben, einen Sinn fürs Leben:
 
Da sitzt vorgestern die Elsa zum ersten Mal vor mir. Sie ist 15 Jahre, blitzgescheit, bildhübsch, wach und aufgeschlossen. Das dunkle Schicksal der elenden Blutrache hat sie und ihre Familie vor eineinhalb Jahren eingeholt. Ihr Onkel, der Bruder ihres Vaters hat im Affekt getötet. Ihr Vater war Schuldirektor in Tropoja. Seitdem ist die Familie auf der Flucht – ständig irgendwo anders. Bislang hatten Freunde ihnen finanziell geholfen, das Ersparte war schnell dahin. Vater und Mutter kamen so zu uns – einfach völlig am Ende. Elsa und ihr vierzehnjähriger Bruder sind nun irgendwo mit den Eltern hier im Unterschlupf. Der große Bruder ist geflohen, wohin wissen sie nicht. Im Moment versucht die Mutter, die beiden Kinder noch jeden Tag in die Schule zu bringen. Der Stress ist immens, die Angst, ob nicht jemand aus einer Ecke schießt, wenn es auch nach Kanun nicht erlaubt ist, in Begleitung zu schießen. Artit der 14-jährige Bruder von Elsa, ist die Zielscheibe, und er weiß es ganz genau. Er sagt, es wäre besser, sie würden gleich schießen oder er würde hingehen, und sich erschießen lassen. Er schreit in der Nacht oft vor Angst auf. Artit spricht fast nicht mehr, sein Gesicht sagt aber alles. Elsa hat ihre Sprache noch, um sich zu artikulieren, und um den Wahnsinn zu benennen. Für sie ist es schlimm, dass sie ihre Freundinnen anlügt, wenn sei fragen, warum, sie und ihre Bruder denn in diesem Alter noch von ihrer Mutter in die Schule begleitet werden. Elsa hat Angst, dass sich die Freundinnen von ihr entfernen, wenn sie wissen, dass sie in Blutrache ist. Ich spiegle ihr die andere Variante – eben die Wahrheit zu sagen und zu gucken, wer ihre wirklichen Freundinnen sind. Fast erleichtert, nicht mehr lügen zu müssen, nimmt Elsa diesen Vorschlag an – nicht ohne zu fragen, ob sie denn zu uns kommen könne, wenn sei die anderen Freundinnen verliere.
 
Dies kann ich ihr zusichern. Dann weint Elsa herz zerreissend die ganzen letzten eineinhalb Jahre raus. Da ist die Angst vor der Schande, die Angst um Vater und die Brüder, da ist die Aussichtslosigkeit auf Versöhnung, die verlorene Zukunft einer 15-jährigen, die ihr Lebensrecht, ihr Freiheitsrecht einer brutalen blutrünstigen Tradition opfern muss. Auch wenn sie als Frau nicht die Kugel kriegt, ist ihr sehr bewusst, dass sie mit geächtet ist, dass ihre Familie finanziell am Ende ist und sie keine Zukunft hat, dass sie kein Mann haben will. Alle haben Angst, eine Frau aus einer Blutrachefamilie zu heiraten. Alle haben Angst vor dem Rächer. Ich möchte in diesen Momenten die Elsa nehmen und irgendwo an einen sicheren Ort bringen. Ich möchte in diesen Momenten einmal mehr die ganze Welt zusammenschreien: „tut doch etwas“. Hier geschieht Kriminalität, hier werden junge Menschen und Kinder lebendig begraben, und dieses Land soll auf dem Weg zu Europa sein, ist in der Zukunft ein attraktives Touristenland. Ich kanns nicht glauben, wenn da Busse hier in der Stadt vorfahren, vom Blutracheviertel wie in einem Gruselfilm gesprochen wird und im Dukagjin dann einige Leute den Blutturm als interessante Geschichte abhandeln.
 
Ich geb`s zu: da tue ich mich schwer, wenn ich Elsa vor mir habe. Dann schaut mich Elsa an und sagt: „weißt Du, wenn es Gott geschrieben hat, dass ich ein Leben lang diese Situation ertragen muss, dann sage mir wenigstens, dass ich nicht sinnlos geboren bin“. Mir krampft es in der Herzgegend etwas zusammen: Dieses glaubende junge Mädchen mit dem so klaren Gesicht und dem scharfen Verstand kann nicht geboren sein, um langsam aber sicher zu Hause von der Angst gelähmt verrückt zu werden. Dies ist nicht der Plan Gottes, dies ist der Plan der dunklen Macht des Kanun – das Zerstörerische. Ich nehme Elsa an der Schulter, richte sie auf, trockne ihre Tränen, küsse sie auf die Stirn und schüttle sie ein wenig. Dann schaue ich ihr fest in die Augen und sage mit der tiefsten Überzeugung: „Elsa, zu bist dazu berufen, gegen die Blutrache zu kämpfen. Du hast die innere Kraft und Reife dazu, wie keine andere. Bist Du dazu bereit? Lerne, was Du kannst, studiere, kämpfe gegen diese Bestie der Blutrache. Elsa, Du brauchst dazu GOTT und das Gebet. Es ist ein geistlicher, spiritueller Kampf. Es ist ein schwerer Kampf. Weißt Du dies? Da werden Stunden sein, wo Du depressiv werden möchtest, da wirst Du Angst haben, da wirst Du Dich allein fühlen, aber, du kannst dies durchstehen, weil Du an Gott und das Gute glaubst. Lass Dir dies nicht rauben – durch nichts und niemand. Elsa, schreib Dir dies ins Herz, nicht das Gesetz der Blutrache. Elsa, bist Du bereit?“ So rede ich, so muss ich reden. Und Elsa sagt fest: „Du ich bin bereit, aber ich brauche noch Dich dafür. Bist Du da?“. Dies versichere ich ihr. Und ich weiß, dass in dieser Stunden mit Elsa mein innerer Entschluss entstanden ist, gegen Blutrache mehr zu kämpfen als bisher, mit jenen, die davon betroffen sind: mit Elsa, Viktor, Christian, Lule, Silvana, Irena, Visardi und wie sie alle heißen. Sie müssen raus aus der hilflosen Situation des Opfers, das jahrelang auf die Kugel und den Tod wartet.
 
Die Rosen blühen im Garten und sie, die unschuldigen Opfer, müssen blühen dürfen im Garten der Freiheit- wenigstens der inneren Freiheit des Kampfes gegen dieses System. Ihre Kraft der Jugend, ihre Hoffnung darf nicht in der Eingeschlossenheit der eigenen grauen vier Wände sinnlos als Depression untergehen. Dies will Gott nicht. Dessen bin ich sicher. Und ich spüre, wie es in Elsa lebt und arbeitet. Und sie steht auf und sagt: „Nun werde ich zuerst meinen Freundinnen die Wahrheit sagen“.
 
 
Dies sind einige Erfahrungen der letzten vier Wochen, die uns zu Herzen gehen. Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu stark damit belastet. Um so mehr danke ich wieder einmal für alle Zeichen der Solidarität, für alle Hilfe, für alle Unterstützung, für alles Gebet. Wir sehen nichts als selbstverständlich und wir erleben so sehr Eure Hilfe – eben auf allen Ebenen. Es ist wohl der Himmel selbst, der diese Kreativität der Liebe in Euch schafft und wir werden dadurch sehr gestärkt. Wir wissen uns nicht vergessen und oft wie getragen von Gebeten, guten Gedanken und Wünschen. DANKE, Vergelt`s Gott.
 
Noch etwas zum Schluss: Seit vorgestern haben wir einen Klosterzuwachs: Andi ist zu uns gestoßen. Das kleine Hündle ist etwa fünf Wochen alt. Seine Mutter wurde auf der Wiese hinter unserem Haus vorgestern von einem Nachbarn erschossen. Mirash hat dann danach neun junge Welpen eingesammelt. Der Nachbar wollte sie zurück. Er überließ uns einen Hund –Andi. Abraham hat sehr große Freude an seinem neuen Freund und sorgt sehr, dass er genügend Milch bekommt. Das Leben bricht durch und so ist es bei uns um ein Hundeleben lebendiger. Und da ist der Abraham gestern angekommen – auch mit einer rosaroten Rose in der Hand und hat den Andi daran riechen lassen. „Liecht gut Andi“…war sein Kommentar. Und ich denke. „oh Abraham, Du bist auch eine wunderbare Rose für uns und den lieben Gott“.
Und so verabschiede ich mich mit der rosaroten Rose in der Hand und einem Segensgruß an Euch. Seid gegrüßt und gesegnet von unserem guten GOTT, der das Leben liebt.
 
Mit herzlichem Dank, Eure Sr. M. Christina

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