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5Die Zwillinge

 

 

Da marschieren sie wieder rein „unsere Zwillinge“. Hand in Hand kommen die Fünfzehnjährigen immer an, die Mutter im Schlepptau. Sie kommen gerne und wollen meistens lange bleiben. Vor einem halbem Jahr sind sie aufgetaucht. „Taubstumm“ – so hiess es. Aber das Problem liegt wo anders. Nie hatten sie eine wirkliche Förderung. Beim dritten Male, da ich sie nun habe, stellen wir fest, dass sie einfach kaum eine Möglichkeit zum Lernen hatten. Wir sind in der  „Testphase“, was sie so begreifen und was nicht. So hole ich heute ein Puzzle für Dreijährige. Da ist ein Hündchen in 12 Teile zerlegt, noch ein Baum dabei. Sie können das Vollbild identifizieren und „Hund“ sagen. Als ich das Puzzle zerlege, gucken mich beide total erschrocken an und meinen: „Kaputt“. Sie sind hilflos.  Ich erkläre ihnen, dass sie den Hund, wieder „machen“ können. Ungläubig schauen sie mich an, die einzelnen Puzzlestücke sind für sie nicht mehr im Zusammenhang mit dem gesehenen Bild.


Langsam, ganz langsam beruhige ich und erkläre. Dann wagt Klodian, so ein Stück in die Hand zu nehmen und auf die Vorlage zu legen. Passt nicht – er dreht und dreht, findet den Zugang nicht. Sein Bruder greift ein, er hat begriffen, dass man da was zusammenfügen kann. Auch er scheitert. Sie schauen mich noch hilfloser an. Ich erkläre, erinnere  an das Vollbild, an die anderen Stücke, die da liegen. Da entdeckt Klodi ein Auge und ein Stück vom Hundekopf. Irgendwie hat es nun geklingelt bei ihm und er legt los. Sein Bruder hängt sich dran. Es ist anstrengend für die Zwei, denn sie finden noch keine Formen und da landet dann das Bein des Hundes über dem Kopf… So brauchen wir für die 12 Stücke eine Stunde. Aber es hat sich gelohnt. Sie haben wieder ein Stückchen von der Welt begriffen. Sie sind total glücklich, als die das Bild des Hündchens vor sich sehen. Und ihr Werk, das sie geschaffen haben. Die Mutter weint und sagt: „Warum sind wir denn nicht früher zu euch gekommen, warum haben wir nicht früher von euch gewusst“.


Sie waren bei vielen Ärzten, in der Schule hat man die Jungs nicht genommen. Die Eltern sind zudem pleite, weil sie Unmengen Geld für Unmengen blödsinniger Analysen gezahlt haben.
Und wir gucken nun, wie wir die beiden Jungs ein bisschen fördern können.

 

5 dezember 2017