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Schwere Sommertage im Schatten des Kanun

Liebe Freunde, lieb Schwestern und Brüder

Die Luft ist heiss und schillert in der Sonnenglut. Eine Grille macht eintönige, eindringliche, fast nervöse Zirptöne. Im Osten steigt Rauch auf – die ersten Waldbrände machen die Luft noch dichter und manchmal schliessen wir die Fenster, weil der Brandgeruch die Atemwege reizt. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich die Wolken im Norden herbeiwünsche, dass sie Regen bringen mögen. Es ist der albanische Sommer, den ich liebe – trotz der beschwerlicheren Wege, trotz der heissen Nächte, die den Schlaf im Ansatz ersticken. Es ist dieses Wissen, dass die Natur nicht manipulierbar ist, das mir Ehrfurcht einflösst und es ist die stille Freude und Dankbarkeit über jedes kühle Lüftchen am Abend, wenn Sr. Michaela alle Fenster öffnet, um ein wenig Kühle zu erleben. 

Aber seit einer knappen Woche ist der Sommer nicht wie die anderen Sommer. Die Gewichtigkeit des Kanun, der manchmal wie eingeschlafen schien, hat sich über die albanischen Berge gelegt. Wir sind wie in einem Zeitraffer ein paar hundert Jahre rückversetzt und irgendwie gebannt von der Kraft des alten Gesetzes der Berge. Was ist passiert:

Theth, ein Dorf in den Bergen – am Eingang des Dukagjin ist wunderschön gelegen, die Natur ist atemberaubend, traditionelle Häuser und die Kirche sind dort wie verewigt. Dort ist die Wiege des Kanun, des Gesetzes der Berge. Theth wurde so die letzten Jahre zum Touristen-hotspot. Und nach Corona kamen viele, viele Touristen. „Geheimtipp“ sozusagen. Und so haben die Einheimischen auf ihrem Grund und Boden, den sie seit über 400 Jahren dort als ihr Eigentum bezeichnen, Touristenunterkünfte gebaut. Etliche junge Albaner sind zurückgekehrt, um ihre Zukunft in ihrer angestammten Heimat zu gestalten. Hoffnung gab es, viel Hoffnung!

Dass die Bauten nach dem staatlichen Gesetz illegal waren, ist nichts Neues. Ein grosser Prozentsatz aller Bauten sind überall nicht genehmigt, jedoch bezahlen die Bewohner Strom und Wasser, wenn sie am Netz angeschlossen sind. In Theth ist dies genauso gewesen. Einen Bebauungsplan, ein Konzept für Besiedlung, gibt es weder in Theth noch in anderen ländlichen Zonen. Vermutlich existiert so etwas auch nicht in den kleineren Städten. Und so bauten die Menschen nicht in böser Absicht, auch nicht um das Gesetz zu brechen. Eher in Unwissenheit und aus Gewohnheitsrecht. Und in Theth gilt das auch jetzt noch, was seit Jahrhunderten gilt:  Auf dem Grundstück der Vorfahren haben die Menschen das Recht, zu bauen, zu reissen, zu pflanzen und zu ernten. Und Gastfreundschaft zählt hoch. So hat man für die fremden Gäste gebaut. Theth ist in ein paar Jahren zur Hochburg des alpinen Tourismus geworden – auch im Winter. Der Staat hat die Strasse dorthin ausgebaut. Und auch ganz hohe Herrschaften kamen nach Theth, um die Natur und die Lokalisation zu geniessen. Tradition war gross geschrieben. Ich muss gestehen, dass für uns hier diese Form von Massentourismus ein „No Go“ war. Und nun ist folgendes passiert:

Der Ministerpräsident hat die Anordnung auf sofortigen Abriss aller „illegalen“ Bauten in Theth gegeben. Der Grund: Naturschutzgebiet! Illegal besetztes Land! Und bereits am nächsten Tag – also vor gut 10 Tagen - standen die ersten Bagger und Planierraupen im Dorf. Es wurde alles „illegale“ abgerissen, ungefähr 100 kleinere oder grössere Bauten. Gestern wurde das letzte Haus einer grossen Sippe in die Luft gesprengt. Sie waren dabei, ihr Wohn-haus neu zu bauen, mit Unterkünften für Touristen. Nun ist es Staub. Wir kennen den Besitzer. Sie sind vor ca. 25 Jahren aus den Bergen hierher ins Tal gekommen, haben von ein paar Herden gelebt, ihre Kinder erzogen, in die Schule geschickt. Die Söhne sind nun zurückgekehrt, wollten mit dem Vater in Theth, dem Ort ihrer Vorfahren, die Zukunft gestalten, Theth wieder beleben. Nun stehen sie vor mehr als dem Nichts. Der Vater gab ein Interview. Es bleiben 300.000.-- Euro Schulden bei der Bank allein für diese Sippe. Sie sind verzweifelt. Alles ist in Grund und Boden gestampft, mitsamt der Hoffnung. Diese Sippe hat mit den kleinen Kindern noch eine Nacht das Haus besetzt, dann sind sie gegangen und haben zuschauen müssen, wie die Behörden alles in die Luft jagen. Dies bedeutet, ihre Identität auszulöschen. So sind fast 100 Touristenunterkünfte in einer Woche zerstört worden, die meisten der Einwohner haben für dieses Lebenswerk nun Unmengen von Schulden. Die Touristen, die vor einer Woche noch täglich zu Hunderten, ja zu Tausenden in Theth waren, sind fluchtartig abgereist. Jene, die noch kommen wollten, haben fast alle storniert. In diesen Trümmern will niemand Urlaub machen. Ungefähr 350 Mitarbeiter haben über Nacht ihre Arbeit verloren. Wir wissen dies, weil wir Freunde dort haben. Dies ist vielleicht alles gesetzlich möglich, da die Bauten nach dem Recht nicht legalisiert waren. Aber die Bewohner und auch wir stellen klar die Fragen: „Warum gerade jetzt und gerade in Theth?“ Es gibt viele Orte, wo es genauso ist. Warum wurde von den Behörden nicht am Anfang jedes Bauvorhabens sofort gestoppt? Warum die brutale Zerstörung ohne vorherige Klärung und mitten in der Saison? Warum muss ein Dorf ein gesamtes Systemversagen so büssen? Es gab keine Bebauungsstrategie. Man hat nie mit den Bewohnern wirklich über Naturschutz, über Möglichkeiten von sanftem, schonendem Tourismus usw. gesprochen und verhandelt. Ich bin überzeugt, dass die Bergler in Aufgeschlossenheit ja mit Enthusiasmus ihr Dorf so gestaltet hätten, dass alles für Mensch, Natur, Tradition und Tourismus im Einklang gewesen wäre. Es hätte einfach nur Führung, Planung und vor allem Kommunikation und Dialog gebraucht. 

Aber da gibt es noch das andere, das noch schwerer wiegende:

Da ist der Kanun! Wir haben in diesen 25 Jahren viel darüber gelernt, wie die Menschen aus den Bergen mit dem Kanun verflochten sind – immer noch – auch wenn es nicht so offensichtlich nach aussen scheint, auch wenn man sich täuschen lassen möchte, dass dieses archaische Gesetz der Berge nicht mehr existiert in der heutigen Welt. Nun zeigt es sich einmal mehr, dass es existiert – tief in den Seelen der Menschen. Der Kanun ist den Berglern ins Herz geschrieben. Man kann ihn nicht ignorieren, nicht mit Gewalt auslöschen. Man kann den Kanun nicht als gruselige, vergangene Geschichte für den Touristenkick in den Blutturm von Theth bannen. 

Man kann die Menschen hier als primitiv und mittelalterlich abqualifizieren, belächeln oder auch bestrafen, aber auch damit wird man den Kanun nicht los. Immer wieder taucht er auf – vielleicht gerade dann, wo man ihn nicht mehr vermutet hat. Das alte Gesetz ist ihre DNA. Und es ist ihre Identität – egal in welchem Land der Erdkugel sie verstreut sind in den letzten Jahrzehnten. 

Zurück zum Geschehen in Theth: 

Grund und Boden sind im Kanun wesentlich. Grund und Boden, das eigene Haus muss mit dem Blut geschützt werden! Das eigene Haus ist Schutzzone. Sogar der Feind muss im Haus geschützt werden. Wörtlich heisst es im Kanun: „Das Haus des Albaners gehört GOTT und dem Gast!“ 
Mitarbeiter haben uns diese Tage erzählt, dass vor dreihundert Jahren die Bewohner von Theth in der Kirche geschworen haben – beim Kanun, vor dem Kreuz - dass sie ihren Grund beschützen, dass sie nichts hergeben. „Heiliger Boden“ sozusagen. Im Kanun ist viel über das Haus und den Grund und Boden und die Rechte des Eigentümers festgehalten. 

Und nun ist ihnen der Staat zum Feind der eigenen Kultur und Identität geworden. Ein alter Bajraktar meldete sich gestern zu Wort. Der alte weise Mann war völlig betroffen und konnte diese brutale Vorgehensweise nicht mehr verstehen. Er sagte: „Wir haben Steuern bezahlt, bereits bei Enver Hoxha haben wir unsere Produkte abgeliefert und so bezahlt. Wir sind nicht gegen die Demokratie. Wir suchen den Dialog. Aber die kamen nun, wie der Feind, wie Serbien den Kosovo überfallen hat. Aber wir sind doch auch Albaner. Und wir waren nicht bewaffnet. Keiner von uns war bewaffnet. Und sie kamen mit Bewaffnung, haben ihre Gewehre in Stellung gebracht. Wir sind auch nicht ungebildet, wir alle haben Schule. Wir haben nichts Unrechtes getan. Man hat uns nicht einmal ein Gespräch genehmigt, keine Zeit gelassen, gar nichts. Sogar die Touristen sind geflohen.“ 
Am Sonntag versammelten sich die Bajraktare und Ältesten der Gebiete in den Bergen unter dem Baum, vor der Kirche von Theth. Der Priester als spirituelle Autorität war mit anwesend. Es wurde nach dem Kanun ein Konvent abgehalten, beraten. Die Videos, die ich sah, haben mich berührt. Es waren keine Wilden, die da mit der Knarre gedroht haben. Es waren betroffene Männer, die die Welt nicht mehr verstanden, die wie schwer Misshandelte und Geschlagene nach Lösungen suchten. Sie baten um Dialog. Aber da war kein Dialogpartner, nur die Anordnung, dass alle illegalen Häuser weiter niedergemacht werden. 

In dem Moment kamen mir die Tränen. Ich dachte: „Das ist nun der gewaltsame Todesstoss für eine archaische Kultur eines Bergvolkes!“ Und ich dachte: „Wird so Terrorismus geboren?“  

Und heute, am Dienstag, mitten im heissen Juli, haben sich Männer aus Mirdita - einer anderen Bergregion - aufgemacht, um ihre Brüder in Theth zu unterstützen. Die Leute aus Mirdita sind sonst nicht so eng Freund mit den Leuten aus dem Dukagjin. Aber jetzt vereint sie die unbändige fast magische Kraft des Kanun, der ihnen ins Herz geschrieben ist. Ich habe auch sehr junge Männer gesehen, nicht nur die Alten! Der Kanun hat die Diktatur überlebt, der Kanun wird weiter in den Herzen der Menschen leben. Mit Gewalt und Brutalität kann man dieses Gesetz nicht auslöschen. Und jetzt, wo sie alles verloren haben, Existenzen zerbrochen sind, halten die Leute dort umso mehr am Vertrauten fest. Dafür geben sie ihr Blut. Das haben einige Männer auch gesagt, das haben ihre Ahnenväter geschworen, damals in der Kirche – mit der Hand auf dem Kanun und vor dem Kreuz. 

Und so liegt die Sommerhitze über den albanischen Bergen und mir ist, als zirpten die Grillen noch nervöser und hitziger. Und wir beten, dass die Hoffnung nicht völlig ausgelöscht ist. Wir beten um versöhnliche Worte, um gegenseitiges Verstehen. Und wenn die Sommernächte uns überwach sein lassen, dann liegt dies nicht nur an der Hitze. Da drüben in den Bergen ist das andere Zeitalter gegenwärtig und es ist die Frage, ob und wie sich die zwei Welten treffen. Gott weiss es! 
Wir wünschen allen von Euch, die in Urlaub gehen dürfen, ganz schöne erholsame und beschütze Urlaubstage. 

Eure Schwestern Christina und Michaela

 

sommer 2025 

 
Die Bajraktar versammelten sich unter diesem Baum vor der Kirche in Theth

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