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Spätsommertage

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde in der Heimat,


grüss Gott für ein paar Nachrichten aus unserem Klösterle. Es ist Sonntagnachmittag und schwül-heiss. Ein paar Regentropfen haben sind wie verloren aus den Wolken gepurzelt und der Sommer hat uns mit der Wassernot noch nicht losgelassen. Aber ein paarmal hat es ordentlich geregnet, wenn auch die Stauseen und Flüsse noch ungeheuer niedrigen Wasserstand haben. In Kukes kam nach vielen, vielen Jahren das alte Dorf aus dem Stausee zum Vorschein.


Ich hoffe, Ihr alle hattet auch einen erholsamen Urlaub und einen guten Sommer. Wir sind seit zwei Wochen aus unserem Urlaub zurück und sind dankbar über die schönen guten Ferientage, die wir haben durften. Nun sind wir wieder daheim und Abri hat die fünfte Klasse begonnen. Antonio hat seine Schultüte mit Wachsmalkreiden und einem Bauklötzezug mehr oder weniger bewundert. Er ist ja schliesslich sechs Jahre alt. Schon wieder könnten wir über diese Tage einige Bücher schreiben, denn jeden Tag ist viel und die Menschen haben schwere Schicksale. Der Sommer war nicht leicht für die meisten; die Hitze hat viel vertrocknen lassen. Und drüben in Terabosh ist der gesamte Hang abgebrannt. Wir gucken vom Fenster auf eine schwarze Hangwand. Und ich gebe zu, ich gucke jeden Tag, ob sich nicht schon ein wenig Grün zeigt, mehr noch, seit es geregnet hat. Ich bin sehr froh, dass wir genug Brunnenwasser für unseren Garten hatten und wenn ich aus dem Fenster schaue, dann ist lebendiges grün eine Augenweide für mich. Welch ein Unterschied zur anderen Fensterseite, wo die Natur um das Leben kämpft! Ja, und auch die Menschen kämpfen ums Leben und ums Überleben. Es geht vielen, vielen hier wirklich schlecht. Die letzte Woche haben Schwester Michaela und Irena einen Marathon hingelegt. Wir haben Schulmaterial verteilt und Schulbücher bezahlt. Schulbücher sind so immens teuer, dass sich diese in unserem Wohnviertel eigentlich niemand mehr leisten kann. Es war vor unserem Tor jeden Tag ein Andrang, der uns die grössere Not gespiegelt hat. Mir ist nur eingefallen, was in der Schrift steht: „Und ER hatte Mitleid mit ihnen“.


Schwester Michaela und Irena haben da viel, viel Geduld gebraucht, um dies alles zu bewältigen. Zwischendurch mussten wir dann auch sehr nervöse Mütter beschwichtigen oder massiv eine Grenze setzen, bevor die Gemüter sich total erhitzten. Jeder will halt alles und zuerst drankommen und dann geht die Botschaft durch die halbe Bergwelt des Dukagjin, dass es bei den Schwestern Bücherhilfe gibt. So rief mich Sr. Michaela dann, dass jemand draussen im Garten ausrastet. Ich dachte kurz an eine Schiesserei und bevor ich rausging, nahm ich noch das Weihwasser in der Kapelle und bat um Schutz. Da lag eine Frau im Garten und schrie einfach fürchterlich. Sie liess sich nicht ansprechen und verdrehte ein Auge und schlug um sich. Um sie rum war die helle Aufregung; eine Frau rief nach einer Rakiflasche, die andere wollte einen Kübel Wasser über die so total ausgerastete Frau schütten. Schnell war mir klar, dass diese Frau nicht in lebensgefährlicher Situation war. Und schnell befahl ich ihr aufzustehen und segnete sie laut. Und sie stand auf und guckte mich leer an. Ich brachte sie ins Haus und merkte dann, dass ich in die Hundekacke gekniet war. Ich grinste mich selbst an: Kacke – so fühlt sich vielleicht diese Frau in ihrem Leben… Nun, sie bekam ihr Büchergeld und ihr Schulmaterial und mir war klar, dass sie Hilfe braucht. Seit vier Jahren habe sie diese Anfälle, meinte sie. Vor dem Tor schrie eine andere Frau ziemlich aggressiv, dass sie schliesslich sechs Kinder habe und sie fing an, uns zu beschimpfen, weil wir ihr nichts geben und so weiter. Die Not lässt manchmal auch der Wut freien Lauf. Wir können damit inzwischen auch ganz gut umgehen und ich bin dann raus. Die Stimmung war schnell ziemlich aufgeheizt und es war notwendig, zu deeskalieren. Es war uns klar, dass es eben nicht für alle reicht, was wir an Büchergelder übers Jahr gesammelt haben. Und irgendwann ist die Grenze des Machbaren erreicht. Ich ging zu den Bettelnden raus und erklärte ihnen ruhig, dass es vermutlich nicht mehr für alle reicht; ich bat um Verständnis. Dann wagte ich einen weiteren Schritt und bat, dass jene, die einander kennen doch den Bedürftigsten unter ihnen benennen, damit wir eben den Ärmsten unter ihnen zuerst geben, solange wir noch haben. Zuerst war fast Totenstille, als hätte ich etwas Ungeheuerliches gesagt. Auch mir stockte fast der Atem über meinen Vorstoss und Appell in einer Situation, wo jeder seine Kinder in die Schule schicken möchte und weiss, dass sie ohne Bücher nicht dorthin können. Dann löste sich eine Frau aus dieser komischen Starre, sie trat zwei Schritte zurück und zerrte eine junge Mutter heran und sagte: „Schwester, diese Frau hat vier Kinder, ihr Mann trinkt und sie hat noch kranke Schwiegereltern daheim. Sie braucht dringend das Büchergeld!“ Dann kam eine weitere ältere Frau; sie brachte ihre Nachbarin, der es schlechter geht als ihr selbst, wie sie sagte. Irgendwie ging es dann so, dass Schwester Michaela für alle noch einen Teil der Bücher bezahlen konnte. Das Teilungswunder ist geschehen. Und ich danke Gott aus ganzem Herzen, dass die Menschen in dieser Stunde glücklich waren. Dann ist über Nacht Antonio krank geworden; wir hoffen, dass er keine Lungenentzündung hat. Trotzdem er schwach ist, lacht er und ist einfach ein Schatz. Auch die anderen Patienten stehen wieder Schlange und warten auf Hilfe. Da kam am Freitag ein achtjähriges Mädchen mit einem dicken Knoten am Daumenballen. Es sah nicht so gut aus. Nun haben sie eben in Tirana einen Tumor festgestellt und wissen nicht, ob sie durch die Operation den Daumen noch retten können. Im Krankenhaus in Shkoder wurde ihnen gesagt, die Kleine hätte sich vielleicht einen Span reingezogen und das würde schon von selbst heilen. Der Vater war dort, als der Knoten noch viel kleiner war. Wir hoffen, dass mit Hilfe unserer Begleitung die Ärzte alles tun, was möglich ist und nicht unbedingt Horrorpreise verlangen.


Im Kinderhaus wuselt es wieder von Kindergartenkindern. Es sind über 80 Kinder und wir mussten dann mit Anmeldungen stoppen. Mehr Kids sind einfach nicht mehr möglich. Vor einigen Tagen kam noch ein grosser Schlitten aus der Stadt angefahren und der Vater bot alles Geld, damit wir seinen Sohn bei uns aufnehmen. Wir mussten ihm sagen, dass dieser Kindergarten für jene Kinder aus unserer Zone ist, die nicht bezahlen können und wir sowieso keinen Platz mehr haben. Wir werden heuer die Elternarbeit intensivieren und können einige behinderte Kinder mehr aufnehmen. Und Schwester Laetitia wird einige hörgeschädigte Kinder in die Vorschulklasse integrieren. Eine Sorge sind mir die Jugendlichen hier im Livadhe. Viele sind total frustriert und in Gefahr zu kriminalisieren oder in der Drogenszene zu landen. Einige sind aus dem Ausland zurückgeschickt und noch ein Stück mehr enttäuscht und perspektivlos. Für diese fällt auch ein Schulabschluss flach. Dies betrifft vor allem die Jungs. Diese Entwicklung können wir im Moment nicht stoppen, wir sind derzeit eher hilflos. Das Gefühl der Sinnlosigkeit der Jugendlichen ist immens und immer noch hauen Jungs, auch aus unserem Viertel, mit Hilfe von Schleppern ins Ausland ab. Sie verkommen dann irgendwo in einer Parallelgesellschaft in grossen Städten wie Berlin oder Hamburg. Und wenn sie dann irgend-wann aufgegriffen werden, kommen sie völlig daneben zurück. Was sie dort erlebt haben, das ist in ihnen vergraben, ob sie es jemals verkraften, das ist eine andere Frage. In den letzten Monaten werden hier wieder öfters Flüchtlinge aus Afrika aufgegriffen. Die Schlepper haben wieder vermehrt die Route über Albanien genommen. So gehen wir nun der kälteren Jahres-zeit entgegen und wir haben schon Holz gekauft. Sokol sägt es auf und wir haben Wintervorrat für etliche Familien. Aber es wird nicht reichen. Die Verteuerung von Strom ist bereits angekündigt, ebenso Hochwasser für den November.


Wir trauen da dann lieber unserem treuen Gott, der zur rechten Zeit das SEINE tut. Und wir versuchen, jeden Tag zu nehmen, wie er uns geschenkt ist und sind dankbar für das Leben und dass wir hier sein dürfen und so viel Unterstützung von Euch daheim bekommen. Nun noch eine Anekdote von Abraham. Er beschäftigt sich gerade mit Gut und Böse und mit Gott und der Welt. Und da hat er eine wichtige Frage und die ist so: „Mam, der liebe Gott und der Teufel treffen die sich manchmal für Konfliktlösung und für Versöhnung untereinander?“ Ich bin wieder mal sprachlos. Abrahams Innenwelt! Und wir mittendrin und es ist gut so. Wir grüssen Euch alle mit den besten Segenswünschen aus unserem Klösterle in Dobrac


Eure Sr. Christina

 

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